TANN besucht den Künstler Simon Blume
Ein Interview in Bewegung
Simon Blume im Gespräch mit TANN
Ein Bericht aus den ruhigen Ecken Berlins
Wir treffen Simon Blume an einem kalten Wochentagmorgen in seinem Atelier. Die Stadt wirkt noch etwas verschlafen, und alles riecht leicht nach Kaffeesatz und feuchtem Beton. Noch bevor wir das Aufnahmegerät ausgepackt haben, entschuldigt er sich für das Chaos auf seinem Schreibtisch. Es ist natürlich ein gutes Chaos – eines, das darauf hindeutet, dass sich etwas im Verborgenen abspielt.
Was folgt, ist kein übersichtliches Künstlergespräch. Es ist eher so, als würde man jemandem folgen, der immer wieder innehält, auf ein Blatt, ein Fenster, eine Linie im Bürgersteig zeigt und leise sagt: Hier. Hier fängt es an.

TANN: Bevor wir über die Arbeit selbst sprechen… wie fängt man an? Nicht die Zeichnungen, sondern man selbst .
Simon Blume: Mein Ritual beginnt immer außerhalb des Ateliers. Ich verlasse die Wohnung, gehe in ein Café, kaufe mir die Zeitung – eine richtige gedruckte – und setze mich mit einem Kaffee hin. Es ist ein Moment der Ruhe, aber es geht auch um Impulse. Schlagzeilen, Fotos, etwas, das ich am Nachbartisch aufgeschnappt habe … das weckt mich auf. Dann gehe ich ins Atelier.
Dieser Spaziergang ist wichtig. Durch Neukölln zu schlendern und mich von der Umgebung beeinflussen zu lassen. Pflanzen in den Fenstern, alte Keramik, eine seltsam geformte Yucca im Winter … diese kleinen Dinge regen meine Ideen an. Ich folge diesen Impulsen. Die Zeichnungen entstehen lange bevor ich überhaupt einen Stift in die Hand nehme.

TANN: Sie erwähnten die Skizzenbücher. Welche zentrale Rolle spielen sie?
Simon Blume: Unverzichtbar. Ich habe eine ganze Kiste voll davon. Sie sind der Motor von allem. Wenn ich zeichne, ist das wie eine Gehirnmassage. Ein Aufwärmen. Man kommt in einen Rhythmus, und dann sprühen plötzlich die Ideen.
Manchmal werden sie zu ornamentalen Collagen. Manchmal entwickeln sie sich zu größeren abstrakten Werken. Manchmal bleiben sie ein Jahr lang ungenutzt, bis ich sie wiedersehe und denke: Oh … das ist ja eigentlich ganz gut. Die Zeit verändert die Bedeutung.
TANN: Ihr Studio sieht aus wie ein in Zeitlupe explodiertes Archiv. Ist dieses Chaos beabsichtigt?
Simon Blume: Absolut. Ich verlasse mich auf den Zufall. Zeichnungen, die übereinander liegen, sich zufällig überlappen – manchmal entstehen aus solchen Zufällen neue Ideen. Chaos ist ein Kollaborateur.
Und das Archiv hilft. Alte Skizzenbücher, vergessene Zeichnungen … sie zeigen mir Dinge, die ich beim ersten Mal nicht gesehen habe. Man kommt mit einer anderen Perspektive zurück und plötzlich macht es Klick.

TANN: Sprechen wir über Rituale. Sehen Sie Ihren Prozess als ritualisiert an?
Simon Blume: Ja, absolut. Gehen ist ein Ritual. Zeichnen ist ein Ritual. Die Hand aufwärmen, bis der Geist folgt. Sogar die Studio-Routine – Musik anmachen, den aktuellen Stapel Zeichnungen betrachten, den Stift führen, ohne groß nachzudenken.
Es ist ganz einfach: Diese kleinen, sich wiederholenden Handlungen halten den kreativen Motor am Laufen. Ohne sie geschieht nichts.
TANN: Ihre Technik hat sich im Laufe der Zeit verändert. Was hat sich geändert?
Simon Blume: Früher habe ich mit Papierschnitten gearbeitet – sehr flächig, sehr grafisch. Jetzt ist es linienbasierter. Mehr Zeichnen, weniger Schneiden. Die Hand ist präsenter.
Derzeit teile ich mir ein Atelier mit einem anderen Maler, der sehr stark von seiner Stimmung und weniger vom Intellekt geleitet wird. Er hat mir viel beigebracht. Manchmal muss man sich von der Atmosphäre leiten lassen, anstatt vom Konzept.

TANN: Und wie sieht es mit Kleidung aus? Viele Künstler haben… Gewohnheiten.
Simon Blume: Oh ja. Ich habe eine Arbeitshose, die über Jahre hinweg mit Farbflecken übersät war. Sie ist mittlerweile ein eigenes abstraktes Gemälde. Wenn Alltagskleidung ausgedient hat, wird sie zu Atelierkleidung und lebt ein zweites Leben.
Und ich habe diese praktische Plastiktasche immer dabei. Im Sommer trage ich keine Jacke, keine Taschen… also packe ich alles in diese Tasche: Stifte, Skizzenbuch, Werkzeug. Ein stiller Begleiter.

TANN: Woran erkennt man, dass ein Werk vollendet ist?
Simon Blume: Es ist wie in der Musik. Eine Komposition erreicht irgendwann ihr Gleichgewicht. Eine Art innerer Klick. Man sieht, wie sich die Beziehungen zwischen den Formen festigen. Anfang, Mitte, Ende: Alles ist da.
TANN: Brauchen Sie andere Menschen für diesen Moment der Klarheit?
Simon Blume: Der Austausch mit anderen ist unerlässlich. Atelierbesuche, Vernissagen, Gespräche mit Freunden … das verändert alles. Man braucht die Einsamkeit zum Arbeiten, aber man braucht Menschen zum Nachdenken.
Manchmal erkennt jemand den Wert eines Werkes, das ich völlig abgelehnt hatte. Das kann alles verändern.

TANN: Und wie geht es weiter?
Simon Blume: Ich möchte wieder von kleineren Ideen zu größeren Werken übergehen. Gleiche Methoden, gleiche Impulse … nur mit mehr Freiraum. Ich habe diese großen Werke schon vor Augen. Es ist Zeit, ihnen Raum zu geben.
Und so endet das Gespräch, wie es begonnen hat: mit einer stillen Geste. Simon legt ein weiteres Skizzenbuch auf den Tisch und blättert zu einer Seite mit schnellen, nervösen Linien. Sie wirken wie Anfänge. Oder Enden. Oder wie das Aufwärmen, bevor etwas Neues durch seine Hand gleitet.
Was auch immer es ist, es ist bereits in Bewegung.